Kamasutra und Mongolian Art

04.06.2012 21:58

Otgonbayar Ershuu (OTGO) - Kamasutra (Detail)

Vom 16. Juni bis 26. Juli 2012 zeigt die Galerie Zurag, das mongolische Kultur- und Kunst-Zentrum, in der Böckhstr. 26 in 10967 Berlin-Kreuzberg, unter dem Titel "KAMA SUTRA in Miniature" eine seltene Ausstellung der erotischen Miniaturmalerei des mongolischen Künstlers Otgonbayar Ershuu, genannt OTGO. Obwohl seine Miniaturen gerade mal doppeltes Postkartenformat haben, versammeln sich auf den filigranen Kamasutra-Bildern mehr als 1000 Menschen. Männer und Frauen in unendlichen Variationen erotischer Posen und je denkbaren Sexualtechniken, wie sie unbekümmert, freundlich und ausgeglichen der schönsten Nebensache der Welt frönen.

 

OTGO’s Kamasutra-Bilder sind ein Erlebnis. Um Details zu erkennen, muss mensch ganz nahe heran treten und wünscht sich bald eine Lupe um die klitzekleinen Einzelheiten zu erkennen. Beim Zurücktreten ist mensch überwältigt von der Harmonie der Farben und dem Zusammenspiel der einzelnen Bildelemente, die sich zu verschlungenen Mustern ergänzen. Jeder Mensch, jede Blüte, jeder Pinselstrich ist einzigartig und doch verschmilzt alles wie selbstverständlich in der Harmonie der beeindruckenden Gesamtkomposition. Dieser junge mongolische Künstler setzt seine Vorstellung einer erotisch-paradiesischen Welt mit meditativem Geist und akribischem Fleiß kompositorisch so in Szene, wie ein Gott wohl der Vielfalt der Wesen, Leidenschaften und Erscheinungen huldigen würde. Farbenfroh und authentisch präsentiert er uns diesen Traum von Vielfalt und Ewigkeit, in dem es soviel zu entdecken gibt, dass jedes seiner Bilder eines Studiums länger als eines Tag bedarf.

Wenn der Geist malt

Otgonbayar Ershuu wird 1981 in der Mongolei geboren. Bereits als kleiner Junge beginnt er zu malen. Sein häufigstes Motiv sind die Pferde. Das Nationaltier der Mongolen, verbildlicht er in kindlichen Zeichnungen und Malereien. Die Leidenschaft am Malen trägt Otgonbayar durch seine Schulzeit, bereits mit 15 Jahren stellt er seine Werke zum ersten Mal im „Kulturpalast der mongolischen Kinder“ in Ulaanbaatar aus. Von 1996 bis 1998 studiert Otgonbayar „Traditionelle mongolische Malerei“ und erhält das Diplom als Kunstmaler.

In den Jahren von 1998 – 2004 bereist Otgonbayar alle historischen Stätten der Mongolei und nimmt an zahlreichen kulturellen und sozialen Projekten teil. Als Mitarbeiter der „Mongolischen Gesellschaft zum Kampf gegen Armut“ gibt er Workshops für Kinder. Als Restaurateur kämpft er gegen den Verfall des mongolischen Kulturguts und im disziplinierten Selbststudium erlernt er die traditionellen Techniken und Ikonographien mongolischer Miniaturmalerei. Seit 2005 lebt Otgonbayar als freischaffender Künstler in Berlin.

Eine der traditionellen mongolischen Techniken ist die Thangkamalerei. Bei dieser meditativen Malweise geht es darum kleine Gottesbilder zu fertigen. Jedes Bild muss in einem Arbeitsschritt entstehen, als Letztes werden die Augen des Gottes gemalt, sind diese fertig ist die Arbeit abgeschlossen. Das abschließende Öffnen der Augen, lässt die Gottheit „erwachen“. Die kleinen Götterbilder sind in ihrer Anfertigung sehr aufwändig, verlangen vom Künstler unglaubliches technisches Können und meditative Konzentrationsfähigkeit. Otgonbayar fertigte insgesamt 600 Gottesbilder in der traditionellen Thangkatechnik an. Er selbst sagt dazu: „Thangkamalerei bedeutet, dass der Geist malt, nicht die Hände, wie Meditation schenkt sie neue Kraft und Energie.“

Bilder aus Kreide, Wodka, Pflanzensud und Leim aus Yakhaut

Mit dem Buddhismus erhielt die Thangkamalerei auch in die Mongolei Einzug und ist bis heute fester Bestandteil der Kunst- und Glaubenswelt. Es gibt zahlreiche Künstlerwerkstätten im ganzen Land, die sich auf die Anfertigung von Thangkas spezialisiert haben.Thangkas werden auf Baumwollleinwänden angefertigt. Der Stoff wird mehrfach, beidseitig mit Leim bestrichen, damit die Farben beim Auftragen nicht verlaufen. Danach wird eine Schicht aus Kleister und weißem Pulver aufgetragen, diese wird anschließend geglättet und poliert.Sowohl die handwerkliche Anfertigung, als auch die Ikonografie der Bilder unterliegen strengen Regeln und lassen wenig Raum zur künstlerischen Entfaltung. Daher wird der farblichen Gestaltung der Thangkas eine besondere Bedeutung beigemessen, sie verleiht dem Bild seine künstlerisch, individuelle Note. Die Farben dafür werden aus pflanzlichen und mineralischen Stoffen gewonnen.

OTGO's Thangkas sind nicht aus religiösen Intentionen entstanden, viel mehr reizt ihn die Herausforderung, eine so anspruchsvolle, wie traditionelle Arbeitstechnik zu erlernen. Eine tiefe Faszination für die Anfertigungstechnik und der eigene Anspruch einer individuellen künstlerischen Umsetzung, trotz fester Regularien, weckten den Ehrgeiz des jungen Künstlers und waren der Anfang einer Jahre langen innovativen Entwicklung auf dem Gebiet der Thangkamalerei. Bei der Herstellung seiner Thangkas arbeitet Otgonbayar Ershuu mit unterschiedlichen Grundierungsfarben. Um diese zu erhalten ist eine Vorbehandlung der Leinwände nötig. Die schwarze Grundierung bspw. ist eine Mischung aus schwarzem Ruß, Kreide und Wodka oder Milchschnaps. Dieser Mischung werden Pigmente aus Mineralien oder Pflanzen zugesetzt. Schließlich wird die Mixtur mit Leim aus Yakhaut gebunden und beidseitig auf die Leinwand aufgetragen.

Eine Besonderheit an OTGO's Thangkas ist, dass er die Zeichnung direkt auf die Leinwand malt und so den traditionellen Arbeitsschritt über ein durchlöchertes Skizzenblatt ausspart. Zieht man in Betracht, dass seine Bilder oft nur etwas größer als eine Postkarte sind, wird schnell klar wie detailliert, genau und perfekt der Maler arbeiten muss, um ein Bild anzufertigen. Jeder Strich kann nur einmal gesetzt werden, es ist fast unmöglich Fehler zu korrigieren. Über Stunden muss der Zustand höchster Konzentration gehalten werden, ungeachtet natürlicher menschlicher Bedürfnisse oder unvorhersehbarer Störfaktoren.

All-Einheit durch die Vereinigung von Mann und Frau

Die mongolische Thangkamalerei ist entsprechend der Landestradition miniaturisiert und auch die Ikonografie wurde der vielfältigen Glaubenswelt angepasst. OTGO's Figurenrepertoire bedient sich aus diesen Götterwelten des Schamanismus und des Buddhismus. Auffällig ist die meist erotisierte Darstellung seiner Bildthemen. Ein Leitsatz des mongolischen Glaubens ist das Erreichen der „All–Einheit“ durch die Überwindung aller Gegensätze der realen Erscheinungswelt. Sinnbildlich für diesen Prozess steht die geschlechtliche Vereinigung zwischen Mann und Frau, die letztlich den Keim für neues Leben in sich trägt. Die Erotisierung religiöser Bildinhalte, wird so, unter Berücksichtigung dieses Grundgedanken, zur natürlichen, fast selbstverständlichen Konsequenz.

„Schon als Kind träumte ich bunt, von Blumen und sich tummelnden Menschen, von Leichtigkeit und Unbeschwertheit, vom Paradies.“ (OTGO)

Das Kamasutra, auf das sich Otgonbayar Ershuu bezieht, heißt soviel wie: „Die Verse des Verlangens“. Vermutlich wurde es geschrieben zwischen 200 und 300 n. Chr. von Mallanaga Vatsyayana. In Sachen erotischer Liebe ist dieses Werk sicherlich das bekannteste der Weltkulturgeschichte. Dabei ist es weit mehr als ein simples Erotiklehrbuch, auf das es gern reduziert wird, wie Wikipedia ausführt. Das Werk verstand sich vielmehr als Anleitung für die erotisch-sexuelle und zugleich ethische Lebenskunst und bietet sehr detaillierte und pragmatische Anleitungen und Stellungen beim Geschlechtsverkehr, wobei die homosexuellen Sexpraktiken nicht fehlen, aber den heterosexuellen klar untergeordnet sind. Weiterhin beschrieben und reglementiert sind Partnerwahl, Machterhalt innerhalb der Ehe, der Ehebruch, die Prostitution und der Gebrauch von Drogen.

Verse des Verlangens als Symbol der Emanzipation

Das Kamasutra wurde erstmals 1884 von Richard Francis Burton aus dem Sanskrit ins Englische übersetzt (mit etlichen Auslassungen und Tabuisierungen) und in der westlichen Welt überwiegend als schlüpfriges Handbuch für Sexualpraktiken missverstanden. Die poetischen, aussagekräftigen Texte des Kamasutra gerieten leider in der westlichen Rezeption immer mehr in den Hintergrund und die Zeichnungen mit Sex-Stellungen in den Vordergrund, so weit, dass heutige Kamasutra-Fibeln fast nur noch aus Bildern und erklärenden Bildunterschriften bestehen.

Der indische Kulturraum ist jedoch von starken sozialen Zuordnungen geprägt, erklärt Wikipedia. Soziales Verhalten misst sich dort daran, was man in der eigenen Kaste tun darf und tun muss. Abweichungen vom Normverhalten werden sanktioniert. In allen Schichten und Kasten herrscht eine patriarchale und heterosexuelle Ordnung, die allerdings in urbanen Zentren, in denen das Kamasutra entstand, ins Wanken geriet. Das Kamasutra ist, ähnlich wie "Über den Umgang mit Menschen" von Freiherr von Knigge, im höfischen Umfeld entstanden. Anders als zu Knigges Zeiten in Europa galt damals in Indien das Individuum wenig und die Religion alles. Deshalb ist das Kamasutra nicht nur eine parodistische Beschreibung von Anstandsregeln und wie man seine Sexualität ausleben kann, ohne in schlechten Ruf zu geraten, sondern auch und vor allem ein Aufbegehren gegen die totale Reglementierung jedes noch so kleinen Details des menschlichen Lebens durch die vielen uralten Schriften, die gesetzgebenden Charakter hatten.

Die gründliche, extrem systematische und in bestimmten Aspekten sogar realistische Darstellung kleinster Details bei der Suche nach einem geeigneten Sexualpartner mit Verführung, Verkehr und Verabschiedung im Kamasutra entspringen nicht nur einem Bemühen um Aufklärung, wie wir sie später in der westlichen Welt beispielsweise bei Alfred Charles Kinsey finden. Im altindischen Glauben, der dem Kamasutra zugrunde liegt, gilt es, im Leben drei „Güter“ zu erwerben: Dharma, das spirituelle Wohl durch Befolgung religiöser Richtlinien, Artha, materielle Güter und Reichtum und Kama, den sinnlichen Genuss. Höchste Priorität hat dabei Dharma, danach folgt Artha und schließlich Kama. Ein Gut mit niedrigerer Priorität darf dem Kamasutra zufolge den Erwerb eines höherwertigen Gutes nicht stören. Im Unterschied zu den religiösen Texten, die jene „niederen Gelüste“ als gefährliche Feinde der spirituellen Entwicklung anprangern, wird gerade ihnen im Kamasutra konsequent gehuldigt und die Erotik so als eine normale, natürliche Alltagserfahrung gewürdigt.

Quelle: http://www.zurag.de/

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