Warum ist der Penis in der Kunst so klein?

24.09.2019 22:10

Detail von Michelangelos David in Florenz

Eine Kunsthistorikerin stellt sich die Frage, warum antike Statuen einen meist nur kleinen Penis besitzen? Der perfekte Körper aus weißem Marmor gehauen, geschliffen und poliert: stramme Waden, knackiger Podex, prall gespannte Muskeln, feinste Sehnenstränge, bloß der Penis wirkt zwischen den straffen Muskelpartien und klaren Konturen seltsam, unverhältnismäßig klein. Aber woran liegt das? Ellen Oredsson versucht diesem vermeintlichen Geheimnis der Kunstgeschichte in ihren Artikeln auf die Spur zu kommen. Wie sie durch Recherchen herausgefunden hat, entspricht die klassische Darstellung, bspw. beim Penis des David von Michelangelo jedoch durchaus einer Durchschnittsgröße des Penis beim Manne und ist somit eigentlich kein besonders hervorzuhebendes Merkmal. Zum anderen will sie herausgefunden haben, dass große Penisse in der antiken Kunstauffassung ansonsten weniger als Merkmale des Heldentums, sondern vielmehr von Heidentum, Einfältigkeit und Dummheit zu verorten seien. Dieser steilen, auf den ersten Blick etwas eingeschränkten These, will ich den Hinweis zur Seite stellen zur Seite stellen, dass der große bis erigierte Penis weniger in der verschämten, höfischen Kunst, sondern mehr im gemeinen Volke, weit über Ressentiment und Obszönität hinaus, eine freche, spitzbübische, schelmenhafte Beliebtheit genoss und zum immer wieder gerne aufgegriffenen Motiv und Symbol vor allem volkstümlicher Freiheitlichkeit, Fröhlichkeit und Lebenslust anschwoll.

 

 

Sie haben die perfekten Körper, gehauen aus weißem Marmor: Die antiken Statuen zeigen den menschlichen Körper in harmonischer bis erhabener Vollendung. Die Meisterwerke glorifizieren den Menschen mit gut gebauten, kräftigen und gesunden Körpern, eine künstlerische Darstellungsform vor allem der griechisch-römischen Antike, die in der Renaissance und bei bei den Raffaeliten, (sowie bei den Nationalsozialisten des Dritten Reichs und den Kommunisten in der Sowjetunion) zurückkehrte. Doch zwischen all der idealistisch oder propagandistisch aufgeladenen Perfektion fällt auf: Die Penisse der antiken Statuen sind proportional betrachtet eher winzig. Doch warum verpassten Michelangelo, Raffael und Co. ihren Meisterwerken immer nur eine Mini-Gemächt?

Ellen Oredsson geht in ihrem Blog www.howtotalkaboutarthistory.com dieser Frage nach. Dabei fokussiert sie sich vor allem auf die griechische Antike und deren Künstler, die einen enormen Einfluss in der abendländischen Kunst hinterließen, vor aööem bei der GEstaltung von Statuen und Skulpturen (wobei die römischen Künstler oftmals griechische Vorlagen kopierten). Die Kunsthistorikerin nennt zwei Hauptargumente für die kleinen Penisse: Zum einen sei die dargestellte Größe gar nicht so viel kleiner als durchschnittliche Penisse heute. Und zum anderen habe in der Antike ein anderes Schönheitsideal vorgeherrscht. Anders als heute, wo große Penisse mit Kraft und Potenz gleichgesetzt werden, galten damals die kleineren Normalgrößen als attraktiv.

Große Penisse seien dagegen mit Dummheit, Lust und Hässlichkeit assoziiert worden, zitiert Oredsson aus dem Werk "Greek Homosexuality" des Historikers Kenneth Dover. Ein großer Penis, das entsprach nicht dem körperlichen Selbstverständnis der Zeit. Schon in der Antike sahen sich die Bürger, in den Tempeln und auf den öffentlichen Plätzen umsäumt von den heroischen Statuen ihrer Meisterkünstler, als denkende, rational agierende Kulturmenschen. Natürlich waren sie auch sexuell interessiert, aber mit stumpf-wollüstigen Barbaren und notgeilen Wüstlingen wollten sie sich nicht in Zusammenhang bringen lassen. Sicherlich gab es im geschlechtertoleranten, antiken Griechenland, wie heutzutage auch, nicht wenige Frauen, die sich vor großen Penissen sogar fürchten oder der Anblick ihnen zumindest starkes Unbehagen bereiten würde. Deswegen gibt es eigentlich keinen vernünftigen Anlass, Heroen mit großen Penissen im Stadtbild von Athen zu präsentieren.

Tatsächlich gab es auch in der Antike nicht wenige Darstellungen von Figuren mit übergroßen Penissen. Dabei handelt es sich häufig um einen Satyr, ein mythologisches Wesen, welches ewig lustwandelnd, dem Gott der Vergnügung und des Weines, Dionysus folgt. Dann gibt es den griechischen Hirtengott Pan, den Herrn über Wiesen und Wälder, mit ziegenfüßen und Hörnern ausgestattet und verführerisch Flöte spielend. Dann auch der griechische Fruchtbarkeitsgott Priapus, der - laut Mythologie - von der Göttermutter Hera mit einer Dauererektion verflucht wurde. Einem anderen Protagonisten der damaligen  Mythologie, König Midas, geschah es nach Ovids "Metamorphosen", dass er von Apollon, dem Gott des Lichts, der Künste, der Sitte und Reinheit mit Eselsohren bestraft wurde, weil er als zufällig bei einem Musikerwettstreit vorbei Gekommender, eine andere Meinung äußerte als der Juror. Dieser erklärte den Lyra spielenden Apollon nicht aufgrund der liebreizenden Musik zum Sieger, sondern weil die Lyra ein höherwertiges Instrument sei als die Panflöte des Ziegengottes. Schon damals also besiegte dieser Mythologie zufolge das Statussymbol die Verführungskunst.

Alle Darstellungen eines großen Penisses in der Antiken standen im Zusammenhang mit Dummheit oder einer animalischen Ausgestaltung wie bei Pan, Priapus oder den Satyrn, oft als halb Mensch, halb Ziegenbock dargestellt. Priapus mit dem Dauerständer war auch eine Kultfigur im alten Griechenland, denn ob die Griechen damals es wirklich so verwerflich fanden, dass Priapus neben der Göttermutter des Olymp auch noch andere Frauen glücklich machte, sei einmal dahingestellt. Dass sich vor allem die gemeinen Männer des Volkes damit brüsteten, wieviel Weibsbilder sie zum Jauchzen gebracht haben ist sicherlich auch dem Phänomen geschuldet, dass die Freuden der Erotik und Körperlust in den pikfeinen Gesellschaften am Hofe oder in den ständischen Kreisen doch eher versteckt, verschwiegen und im Hinterzimmer praktiziert wurden, als schamlos in aller Öffentlichkeit, beim anarchischen Karneval oder der Kirmes, mitten im Walde rund um ein Lagerfeuer oder als Schäferstündchen in der Mittagspause bei der Heuernte.

Priapus, Pan und die listig-lüsternen Satyre, die auf jeder Party, jedem Bacchanal herumschleichen und geile Blicke umherwerfen, all die lüsternen Schürzenjäger, die so manche Kluge und machtvolle Göttin oder Menschin becirct, für sich gewonnen und begattet haben. Dafür wurden sie vom Volke insgeheim bewundert und verehrt. Für Polis und Klerus nun wirklich eine unerträgliche, nicht einzugestehende Zurschaustellung von Vitalität, Potenz und Fruchtbarkeit, die nun so gar nicht den Sesselpupsern entspricht, den vertrockneten, schlaffen und verkümmerten Schreibern und Gelehrten, Buchhaltern und Statthaltern und "Auf Teufel komm raus" verbrämt werden muss.

Der kleine Penis in der Kunst ist eine Kompromissbildung, damit auch der Künstler, der sich mit erotischen Bezügen auseinandersetzt, seine Intention ausdrücken kann ohne der prüden Kirchenzensur und den Pietäten eines sich aufschwingenden, Etikette statt Kult oder Ritual pflegenden Bürgertums als Menetekel von Gottlosigkeit und Sittenverfall zum Opfer zu werden. Der kleine Penis ist, wenn überhaupt für alle verklemmten und perversen, heimlich Kindesmissbrauch und Vergewaltigung huldigenden Politiker, Pfaffen und Protzadlige die einzig akzeptable Darstellungsform des Geschlechts, die nicht ihrer strengen, bis aufs Äußerste verdrängenden Repression ausgesetzt wären. Im christlichen Mittelalter wurde die Ikonographie des Pan für die Darstellung des Teufels übernommen. Dabei erfuhren auch die bis dahin positiv konnotierten Attribute der Bocksfüße und der Kopfhörner als Zeichen des dionysischen Rausches und der Lust durch die Übernahme in die christliche mittelalterliche Ikonografie eine Umdeutung im Sinne einer negativ gedeuteten „Wollust“.


Parallell zu den Darstellungen der kirchliche, höfischen und später bürgerlich-musealen Kunst der Fresken, Tafelbilder und Skulpturen gab es auch immer, aber weitgehend unbeachtet, den Bereich der Volkskunst. Hier kann sich ein Künstler kaum Farben und Leinwände leisten, sodass er mit seinen Arbeiten auf Kreide, Feder, Papier angewiesen ist. Dementsprechend gibt es keine Ölbilder oder Skulpturen mit der Darstellung erigierter Penisse, jedoch schon in der Renaissance viele Zeichnungen und Illustrationen mit Feder und Kreide auf Papier, von de Goya bis Peter Fendi, Deveria oder Felicien Rops. Im Bereich Skulptur gab es in der mittelalterlichen und frühmodernen Volkskunst das kleinere Pendant zur Statue: Fruchtbarkeitsfiguren, Amulette, Glücksbringer, Pillendosen und viele andere Schnitzereien, welche lüstern-erigierte Schelme und potente Glücklichmacher beim nachmittäglichen Hausbesuch bei der Dame zeigen. 

 

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