Im Österreich, da wo jetzt die nackten Kerle thronen

16.10.2012 10:43

Pierre & Gilles - Vive la France

Wenn wir an Botticellis Venus denken, oder an die Maya von Goya, an das Pelzchen von Rubens, oder an "Das Frühstück im Freien" von Edouard Manet, normalerweise waren und sind Akt und Eros in der Kunst weiblich. Dass ein Großteil der Nacktdarstellungen, die in Museen zu finden sind, Frauen zeigen, wurde bereits in den 80er-Jahren z.B. von der Künstlerinnengruppe 'Guerilla Girls' angeprangert. Männliche Körper, so wie Gott (oder besser ihre Mutter) sie schuf, hatten es seit der griechischen und römischen Antike, als ihre ungezwunge Darstellung noch kein Tabu war, immer schwerer, avanciertes Bildmotiv in der europäischen Kunst zu sein. Normalerweise, davon erzählt das übliche Klischee, steht ein bekleideter Mann - der Künstler - hinter der Leinwand, während ihm eine nackte Schöne, seine Muse, Modell sitzt. Dass es jedoch auch in den klassischen Werken zahlreiche Ausnahmen von dieser (Anstands?-)Regel gibt, zeigen gerade zwei ambitionierte, hoch interessante Ausstellungen, die ab Ende Oktober zeitgleich in Österreich, genauer im Leopold Museum in Wien bis 28.01.2013 sowie im Lentos Museum in Linz bis zum 17.02.2013, zu sehen sein werden.

 

Nackte Männer - von 1800 bis heute in Wien
"Nackte Männer - von 1800 bis heute", haben die Wiener Kuratoren Elisabeth Leopold und Tobias G. Natter ihre Ausstellung betitelt, die mit Leihgaben aus ganz Europa, eine so noch nie gesehene Schar nackter Männerkörper zeigt, die in den Kunstwerken der großen Meister aus Klassik und Moderne auftauchen. "Unser Ansatz war recht einfach", erläutert Natter, der Direktor des Leopold Museums. " In Museen wurden Bilder nackter Männer bislang selten, kaum je zusammen hängend und so gut wie nie explizit präsentiert. Aber dieser Umstand steht im umgekehrten Verhältnis zum historischen und aktuellen Reichtum der Bildquellen."

Die Exponate reichen von einer altägyptischen Statue aus der Zeit um 2400 vor Christus - "Wiens ältester Nude in Town", wie die Pressemitteilung frohlockt, über Auguste Rodins Figur "Ehernes Zeitalter", über großflächige Tafelbilder oder Gemälde wie Courts "Tod des Hyppolyt", bis hin zu badenden Männern von Edvard Munch oder männlichen Aktporträts von Andy Warhol, Ars Lüthi und Bruce Nauman. Wie sich in der Moderne der Blick des Künstlers auf den nackten, männlichen Körper vom allegorischen Modell hin zum entblößten Ich verschob, demonstrieren diverse Selbstakte von Richard Gerstl und Egon Schiele, die zum umfangreichen Sammlungsbestand des Leopold Museums gehören. Nacktheit und Heldentum ist dabei ein anderer Aspekt, der sich sehr gut ins Konzept der Ausstellung integriert. Schließlich wurden bereits in der Antike Helden und Athleten immer nackt dargestellt. In der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist der nackte Held das Symbol des von zivilisatorischen Zwängen befreiten und der höheren Moral verpflichteten Menschen.

Der nackte Mann in Linz
Beide Ausstellungen, ebenso die von Sabine Fellner, Elisabeth Nowak-Thaller und Stella Rollig in Linz kuratierte Ausstellung "Der nackte Mann", zeigen unterschiedlichste künstlerische Zugänge, konkurrierende Männlichkeitsmodelle sowie den Wandel der Körper-, Schönheits- und Wertvorstellungen. In Linz wird jedoch der Schwerpunkt auf den männlichen Akt des 20. und 21. Jahrhunderts gelegt. Hier sind mehr als 300 Exponate zu sehen, die in der Schau in zwölf Kapiteln zusammen gefasst sind, die Titel tragen wie. 'Adam', 'Schwul', 'Penis' oder 'Schmerz'. Wie in der Pressemitteilung ausgeführt wird, wird der "für die Künstler der Moderne jeder Rolle entkleidete, nackte Körper zum Mittel der Selbstbefragung und zum Bedeutungsträger gesellschaftspolitischer Erneuerung. Von diesem Zeitpunkt an folgt die Ausstellung dem nackten Mann durch Krisen der Identität und Phasen der Souveränität, spürt Versuche der Dekonstruktion von traditionellen Männlichkeitsbildern und die Suche nach Alternativen auf. Gezeigt wird die Auseinandersetzung mit Schwäche und Verletzlichkeit, aber auch der Blick des Begehrens und die erotische, provokante Pose illustriert."

Dies ist die größte Kunstausstellung des Lentos Museums seit Linz 2009 Kulturhauptstadt war - hier wird im ersten Obergeschoss auf insgesamt 2500 Quadratmetern ausgestellt. Die Sorge der Kuratoren, dass es zwischen beiden Ausstellungen Überschneidungen gebe, oder dass sie miteinander konkurrieren würden, konnte mittlerweile beigelegt werden, und beide Museen erhoffen sich mit ihren beispiellosen Expositionen nun einen großen Synergieeffekt, wenn viele Liebhaber und Interessierte auch extra nach Österreich reisen, um den nackten Kerlen, die über den Winter in den dortigen Kunsttempeln thronen, einen sinnlichen Besuch abzustatten.

"Nackte Männer - von 1800 bis heute" im Leopold Museum im Museumsquartier Wien, ist vom 19.10.2012 bis 28.01.2013 zu sehen, täglich außer Dienstags 10-18 Uhr, Donnerstags bis 21 Uhr.

"Der nackte Mann" im Lentos Museum Linz, ist vom 26.10.2012 bis 17.02.2013 zu sehen, täglich außer Montags 10-18 Uhr, Donnerstags bis 21 Uhr.

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