Selbstfindungsrealismus - Maria Lassnig in den Deichtorhallen

08.08.2013 13:26

Selbstporträt Maria Lassnig

Bis zum 8. September noch gibt es in Hamburg die Gelegenheit, die große Werkschau einer furiosen Wegbereiterin der Moderne, der heute 93-jährigen, österreichischen Künstlerin Maria Lassnig, zu bewundern. Die allerortens Empfohlene, Gefeierte, Liebling von Kunstkritikern und Feuilletons, mit Kunstpreisen Bedachte und zuletzt zum Aushängeschild feministischer Kunst Avancierte, zeigt hier zum ersten Mal mit rund 100 Werken aus dem Zeitraum 1945 bis 2012, vorwiegend zurück gehaltene Arbeiten aus ihrem Atelier. Dazu kommen hochrangige Leihgaben aus bedeutenden Sammlungen. "Ich bin Realistin, die mit dem Realismus nicht zufrieden ist", sagte sie einmal, obwohl ihr Werk stark zwischen Realismus, Expressionismus und Abstraktion oszilliert. Von den akademischen Realisten wurde sie wegen ihrer "pauschalen Malweise" und ihrer "Bonbonfarben" eher abgelehnt. Mit ihrem intimen, auch erotisch-sinnlichen Duktus wird sie indes von vielen Verehrerinnen und Verehrern gelebter Gefühle geliebt.

 

Die bis ins hohe Alter tätige Malerin hat länger in Paris und New York gelebt, und erhielt 1980 als erste österreichische Künstlerin eine Professur in Wien. Sie hat viele Schüler auf eigene, erfolgreiche Wege gebracht und selbst so ziemlich alles erreicht, wovon bildende Künstler träumen können. Dies ist sicherlich auch eine Folge ihrer emotionalen, das Selbst offenbarenden Herangehensweise in ihrer Kunst. Ihr Sujet ist von einer schonungslosen Selbstbefragung der eigenen Gestalt und des künstlerischen Zugriffs auf sie geprägt. In Lassnigs Offenheit, Radikalität, ihrer Figurenbetonung, die viel vom Geist des Expressionismus geatmet hat, steckt ein überraschend dynamischer Widerstand gegenüber dem Mainstream zeitgenössischer Kunst. Ihre großflächige Abstraktion ist nie Formalismus sondern immer Ausdruck, Gefühl.

Die Selbstbildnisse der Künstlerin haben einen enormen Anteil an ihrem Werk und sind ähnlich bemerkenswert wie das "Selbstporträt mit Stab" von 1971, das sie ganz in Grüntönen gehalten zeigt, wie der Stab ihre nackte Brust durchbohrt. Die tolle Ausstellung in den Deichtorhallen ermöglicht es dem Betrachter einen tiefen Einblick in die schillernden Malwelten Maria Lassnigs zu gewinnen, wie sie an den Schnittstellen  zwischen figürlicher Verdichtung und flüchtiger Abstraktion angesiedelt sind. Es sind zum Teil ziemlich abgründige Empfindungswelten, sehr persönlich geprägt, und nicht ohne selbstironisc he Züge. Eigentlich kommt die Malerin von der abstrakten Informel her und wurde auch vom Wiener Aktionismus geprägt, aber fand dann im Thema der radikalen Selbstbefragung ihren eigenen Stil. Dabei holt sie zuweilen auch ins traumhaft-surreale aus , gelangt zu eigentümlichen Mensch-Tier-Chimären oder Metamorphosen des Menschlichen in Maschinenform. Stark erotisch aufgeladene Bilder, wie z.B. "Mit einem Tiger schlafen" von 1975 begegnen dem Publikum ebenfalls des öfteren, und gehen hier leidenschaftliche Beziehungen ein mit dem furchtbar verschlingenden und fruchtbar verschlungenem Begehren der Frau in der Moderne.

Noch bis zum 8. September 2013, Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorstr. 1-2, D-200095 Hamburg, Fon: +49(0)40-321030, Öffnungszeiten sind Di -So 11-18 Uhr, www.deichtorhallen.de

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