Noch bis 4. September - "Homosexualität_en" in Münster

01.08.2016 16:22

Ausschnitt Plakat Homosexualität_en in Münster

Liegt’s an der altbacken weißen Unterhose, den knallrot geschminkten Lippen, der dürren Figur oder dem Seitenscheitel? Liegt's an der homoerotischen Darstellung oder der knallig-kitschig-sexuellen Ästhetik? Das Plakat der Sonderausstellung „Homosexualität_en“ im LWL-Museum in Münster sorgte für gehöriges Aufsehen in den Münsteraner Straßen und bei Reisenden der Deutschen Bahn. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, lautete der Titel eines 70er-Jahre-Filmes von Rosa von Praunheim. Gemeint ist ein tabuisiertes Verhalten in der Gesellschaft, was sich bis heute fortsetzt. So wollte die Deutsche Bahn das Anbringen des Ausstellungsplakates in mehreren Großstädten mit der Begründung verhindern, dass es als „sexualisiertes“ Bild den Richtlinien des Deutschen Werberates widerspreche. Durchgekommen ist sie damit jedoch nicht.

 

Doch was verboten ist oder war, macht bekanntlich neugierig. So wurde die Sonderausstellung „Homosexualität_en“ im Museum für Kunst- und Kultur des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mit ausgewählten Exponaten rund um die Geschichte, das Leben und die Liebe von und mit Homosexuellen schon sehr gut besucht und steht noch bis zum 4. September 2016 für alle Interessierten offen.

Die Sonderschau zeigt 150 Jahre Geschichte, Politik und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Deutschland. Sie legt dar, wie gleichgeschlechtliche Sexualität und nonkonforme Geschlechtsidentitäten von der Gesetzgebung kriminalisiert, von der Medizin pathologisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt wurden. So zeigt sie die rechtliche Entwicklung des Paragraphen 175 des Deutschen Strafgesetzbuches auf, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, von seinem Inkrafttreten im Jahr 1872, über die massive Verschärfung während der NS-Zeit und seine Beibehaltung bis zur endgültigen Abschaffung 1994.

Neben den gesellschaftlichen Repressionen widmet sich die Ausstellung den Emanzipationsbewegungen homo-, trans*- und intersexueller Menschen, die insbesondere seit der gesetzlichen Liberalisierung seit den 1960er Jahren an Dynamik gewannen und das gesellschaftliche Verständnis von geschlechtlicher Identität verändert haben. Arbeiten internationaler Künstler_innen u.a. von Monica Bonvicini, Louise Bourgeois, Cassils, Elmgreen & Dragset, Lotte Laserstein, Lee Lozano, Jeanne Mammen, Zanele Muholi, Julian Rosefeldt und Andy Warhol kommentieren auf vielfältige und originelle Weise das interessante Ausstellungsthema.

„Homosexualität_en“ lässt mit Dokumenten, Fotos, Videos und Kunstwerken Raum für eigene An- und Einsichten, Interpretationen und Rückschlüsse. Über 800 Exponate geben Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Homosexualität_en der vergangenen 150 Jahre.

Die Ausstellung wurde im vergangenen Jahr im Schwulen Museum und im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt und ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur. Begleitend zu der Ausstellung gibt es einen Katalog:
HOMOSEXUALITÄT_EN, Herausgegeben von Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz im Auftrag des Schwulen Museums und des Deutschen Historischen Museums. 220 Seiten, ca. 400 Abb., ISBN 978-3-95498-163-2, 25 €

Nähere Informationen: LWL-Museum für Kunst und Kultur des Landschaftsverbandes Westphalen-Lippe, Domplatz 10, 48143 Münster, Besucherservice: +49 251 5907 201, museumkunstkultur(at)lwl.org



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