Entblößend, aber nicht berührend - Aktfotografie ohne Sinnlichkeit

28.08.2013 17:52

Helmut Newton im Atelier

Um die verborgenden, erogenen Zonen des anderen Geschlechts zu erkunden, konnten die Heranwachsenden des 19. und 20. Jahrhunderts ihr aufkeimendes erotisches Interesse lediglich in der klassischen Kunst der Museen repräsentiert finden. Zwar tauchten wirklich aufreizende Darstellungen an den Wandungen der Kunsttempel nicht auf, trotzdem unterhielten Malerei, Grafik, Skulptur ein doch eher unverkrampftes Verhältnis zur Nacktheit, und abgesehen vom finsteren Mittelalter, ist die Kunstgeschichte voll von mehr oder minder verhüllten erotisch-sexuellen Anspielungen. Die Künstler ohnehin pflegten eine eher locker-lüsterne Partnerschaft mit der Sexualität, wenn nicht sogar ein halbes Leben im Banne der käuflichen Liebe. Wie auch durch die Ausstellung "Die nackte Wahrheit" in Berlin dokumentiert (wir berichteten), markiert dann der Jahrhundertwechsel zur Moderne innerhalb der Kunst auch den Wechsel zur künstlerischen Hegemonie durch die Fotografie und andere serielle Reproduktionsverfahren - was sehr frühzeitig von Akt- und Erotik-Künstlern genutzt wurde, um ihre Werke besser bekannt zu machen.

 

Dagegen gab sich die Kunst der Avantgarde seit den 20er-Jahren und zur Blütezeit der Moderne bis in die 60er/70er-Jahre fast ausnahmslos prüde. Die Abstraktion war selbstredend ein gewaltiger Dämpfer für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Körper, Nacktheit, Selbst und Leidenschaft. Daneben meinte vor allem das technische Medium der Fotografie, das emotional aufgeladene und schamhaft vermiedene Gelände aus Erotik, Lust und Nacktheit neu befruchten zu können. Erst im fotografischen Rahmen löste sich der Akt, wie die Darstellung des nackten Körpers bezeichnet wird, von dem Vorwand übergreifender mythologischer Zusammenhänge und wurde zur eigenständigen Kunstgattung.

Technische Reproduzierbarkeit der Kunst

Jedoch, sei es durch die Mechanismen der Technischen Reproduzierbarkeit der Kunstwerke, sei es durch die Repression, Moral und Ignoranz der sich zunehmend entwickelnden Kulturindustrie, gerieten eine freizügige, künstlerische Intention sowie die schonungslose, intime Selbsterkenntnis trotz der Schwemme an erotischer Foto- und Druckerkunst wieder mehr in den Hintergrund des öffentlichen Interesses. Den gesellschaftlichen Vordergrund von Akt und Erotik bildete zunehmend eine professionelle "L'art Pour L'art"-Haltung, die den nackten Models, nicht mehr Musen, dann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Sinnlichkeit und Verführungskraft schon austrieb mit ihrer Hochglanzästhetik.

In der Aktfotografie offenbart sich die ambivalente Haltung der bürgerlichen Kultur zum nackten Körper. "Denn unter der Maßgabe, seine Schönheit zu verherrlichen", schreibt der Kunstkritiker Klaus Honnef in der Kunstzeitung, "führte die Aktfotografie überwiegend hüllenlose Frauen und seltener Männer in keimfreien Gymnastik-Posen vor. Sorgsam wurden in der Aktfotografie die erotisch-sexuellen Untertöne getilgt. Mit der Folge, dass die Nackten in der Aktfotografie die Ausstrahlung von Lampenschirmen hatten."

Nichtsdestotrotz erfuhr im Medium Fotografie das, was nicht nur die Heranwachsenen jenseits der Schönheit an erotischer Kunst interessiert, steigende Verbreitung. Jenseits der Gefilde bürgerlicher Moral und Anständigkeit entfaltete sich das erotische Interesse in den gut frequentierten Schmuddelecken und Dunkelbereichen einer brodelnden, vor allem amerikanischen Off-Gesellschaft. Erst als Helmut Newton, Robert Mapplethorp, Bettina Rheims, Nan Goldin und andere die Steppdecke der gefälligen Kunst lüpften und die Aktfotografie aus ihren prüden Zwängen lösten.

Voyeurismus und Dominanz

Sie nahmen der Nacktheit den falschen Schein des Übernatürlichen und gaben dem Körper seine Physiologie zurück. Dabei überschritten sie die Grenzen des Schicklichen und verletzten bewusst Tabus, indem sie offen der Lust am Voyeurismus huldigten und auch vor pornografischen Anspielungen nicht zurückschreckten. Doch was die einen als Befreiung feierten, geisselten die anderen als Sexismus. Während welche ihre Körper der Purheit, der Manipulation und Tortur ausliefern, inszenieren sich andere in Dekadenz, Pomp und Klischee.

Inzwischen rollt eine Welle von Sexualisierungen durch die Bilderwelt der Medien und unserer Lebensrealität. Deren öffentliche Seite zeigt sich in der stereotypen Perfektion des Nackten und der Körper. Die halböffentliche Seite zeigt sich ungeniert in allen denkbaren Variationen bis hin zur Abartigkeit und Perversion, und das alles erreich- und konsumierbar durch einen einzigen Klick im Internet. Diese Übersexualisierung verschiebt den Fokus der Wahrnehmung tendenziell wieder vom Körper (Mensch, Inhalt) hin zum Bild, zur Gestaltung und Formung. Nach einer These Michel Foucaults in Sexualität und Wahrheit, ist die Überdosis, die Überreizung mit Sex, eher ein Symptom sexualfeindlicher, sozialer Kontrolle, weil das Verdrängte sich immer neue Wege sucht, die Aufmerksamkeit unseres Bewusstseins zu fesseln.

So ist es auch zu erkläen, warum, wie die jüngsten Berichte vom Kunstmarkt zeigen, Interesse und Nachfrage bei Auktionen in Sachen Aktfotografie weiter rückläufig sind. Dsa Thema Akt und Erotik scheint ein wenig ausgereizt zu sein, auch wenn leidenschaftliche und sinnliche Kunst der Zeitgenossen nachwievor einer Wiederentdeckung und Auseinandersetzung von Künstlerinnen und Künstlern sowie dem Kunstpublikum harrt.
Vielleicht ist so eine Wiederentdeckung auch jenseits von staatlichen Einrichtungen, von Museen und Medien viel besser aufgehoben - nicht im Verborgenen wie die Prostitution, sondern im Geborgenen von regionalen Clubs, Privatausstellungen und Galerien.

Kühle Distanz, aber keine Obsession

Die Arbeiten der jüngeren künstlerischen Aktfotografie wirken im Vergleich zum Aufbegehren der sogenannten Postmoderne brav und bieder. Es scheint an Obsession zu mangeln, an Intensität und Unerhörtem, schreibt Honnef. Kühl, berechnend, distanziert, wenig engagiert und positioniert verbinden viele Zöglinge der neoliberalen Kunsthochschulen, heute Multimedia Pulp, Peep Show mit einem feisten, feuchten und fickrigen  Beauty- und Mädchenbild. Pop, Spektakel und Pornokitsch bestimmen die Kunstsujets. Vorbei scheint die Zeit des Aufbegehrens und der Grenzerfahrung, als angehende Künstlerinnen und Künstler neugierig ihre intimen Körperteile optisch erforschten und ausstellten. (Die aktuelle Verfilmung des Skandalromans "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche verdeutlicht indes das weiter bestehende Interesse an intimen bekenntnissen. Einige Künstler gehen ungeachtet der Trends und Mden jedoch immer neue Wege, um ihren libidinösen Gefühlen eine kreative, künstlerische Triebabfuhr zu gestatten, ohne die natürlichste Sache der Welt durch Krassheit, Konsum und Kitsch weg zu sublimieren.

In der aktuellen Magazin-Fotografie mischen sich Porträt, Mode- und Aktfotografie zu mitunter eigenwilligen, gar grotesken Zwitterformen. Variation des altbekannten Themas zwar, aber nichts wirklich zündend Neues. Ist eine künstlerische Erotik, eine Ars Erotica wirklich altmodisch und unbefriedigend geworden? Ein auffälliges Merkmal der zeitgenössichen Aktfotografie mit künstlerischem Anspruch ist auch das veränderte Verhältnis zwischen dem Fotografen und seinem Modell. Die nach wie vor überwiegend weiblichen Modelle treten nun als selbstbestimmte Akteurinnen auf, nicht mehr als die co-abhängigen, tragisch verstrickten Musen der Kunst der Moderne. Viele junge Frauen inszenieren sich vor der Kamera der Aktfotografen ausgesprochen exhibitionistisch. Aber trotz provozierender Offenherzigkeit lassen sie gleichwohl keine Zweifel daran - sie sind ja Professionelle: Entblößen ja, Berühren nein!

Vielleicht liegt die Zukunft der Aktfotografie in Dialektik mit der kalten Welt des Kapitals in einer weiteren Radikalisierung der Körperbilder, in Grenzbereichen der Wahrnehmung, wo es Tabus wie Wahnsinn, Krankheit und Tod betrifft. Die nackten Menschen, die beispielsweise der Aktfotograf Nadav Kander uns präsentiert, zeigt Menschen in ihrer Verlorenheit, Zerbrechlichkeit und Zerrissenheit, die nicht in das Schema des vorherrschenden Schönheitsbildes passen. Die Zukunft gehört einer Fotografie, welche die Magie eines einzigartigen Moments einfängt, und die intime Dreierbeziehung zwischen Künstler, Modell im ursprünglichen Sinne der Muse sowie dem imaginären Betrachter der Kunst wieder herstellt, ohne dabei lustlose L'art Pour L'art oder abgefeimtes Business zu sein.

 

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