ZDF findet keine Erotik mehr

23.05.2011 14:51

aus "Vicky Cristina Barcelona"

Das öffentlich-rechtliche Zweite Deutsche Fernsehen findet nicht mehr genügend geeignete erotische Filme und sieht sich gezwungen, nach 20 Jahren seine Reihe "Mitternachtsphantasien", für Highlights des erotischen Kinos, im Herbst einzustellen. Wie die zuständige Redakteurin Doris Schrenner in Mainz mitteilte, "... wurde es in den letzten Jahren immer schwieriger, ein Erfolg versprechendes Angebot aus großer Mainstream-Unterhaltung und ambitioniertem Arthouse-Kino für diese Reihe zusammenzustellen." Sechs solcher Filme wird es dann ab 4. Juli 2011 nur noch geben (jeden Montag um 22.15 Uhr). Den Anfang vom Ende des erotischen Films auf dem ZDF markiert dann der 2008 von Woody Allen inszenierte Film "Vicky Cristina Barcelona" mit Scarlett Johansson und Penélope Cruz.

 

Wenn der internationale Filmmarkt eine größere Auswahl in diesem Genre böte, wäre sonst noch lange nicht Schluß mit knisternen Fernsehabenden im ZDF, so die erstaunliche Aussage der Redakteurin. Der Bedarf nach erotischen Filmen sei auf alle Fälle gegeben, der Markt käme diesem Bedürfnis jedoch nicht mehr nach. Da kann ich ja nur staunen. Das klingt ja nach Engpass und "Erotik-Verknappung" bei der Planwirtschaft von Produzenten und Filmbranche.

Auffällig ist es allemal schon länger, dass die Fernsehsender ihre Angebote an Sexfilmen und freizügigen erotischen Geschichten stark eingeschränkt, bis fast überall eingestellt haben. Bis auf nervig geschnittene, laute und mit Schriften zugematschte Porno-Clips gibts kaum noch nackte Haut und Sinnlichkeit im Fernsehen - dafür proportional dazu vermehrt Filme mit gewalttätigen, gehirnamputierten Testosteron-Barbaren, die mit ihren Ersatzpenissen andere Menschen verfolgen und niedermetzeln.

Bei den privaten Sendern sind die Softpornos Freitag nachts ebenfalls schon längst verschwunden - was auch nicht weiter schlimm ist. Die ZDF-Filme haben demgegenüber ein ganz anderes, besseres Niveau, keine Frage. Aber trotzdem, die Tendenz der Ent-Erotisierung der Fernsehkultur ist auffällig. Im Gegenzug steigt die Tendenz, Porno plötzlich mit dokumentarischem Anspruch zu vermitteln: Reportagen aus dem Rotlich-Milieu und aus dem Swinger-Dasein, das stylische SM-Studio mit der in Jura promovierten Domina, nette hausbackene Bordellmuttis und freakige Zuhälter mit Ballermann-Habitus plaudern aus ihrem Leben. Dazu neugierige, gerne mal ein bißchen unseriöse Kamerateams, die 18-jährige Lolitas bei ihrem ersten Pornodreh begleiten. Ich glaube, die erwarteten Vergünstigungen und Spesen in Natura, für eben jene Kamerateams und ihre Regisseure, sind einer der wahren Gründe bei diesen Boom der Porno-Dokus. Aber vielleicht dürfen die Medien ja wirklich alles was nach SEX aussieht, nur noch als Doku verkleidet ausstrahlen...

Liegt es am Bibel-TV, dass die sich überall eingekauft haben? Liegt es an neuen Direktiven der, zumeist konservativ besetzten, Landesmedienanstalten und ihrer Rundfunkausschüsse? Ist es eine versteckte Zensurmaßnahme unserer Familienministerin, zumindest klingt die Ausage der Redakteurin ein wenig nach Schutzbehauptung?? Vielleicht sollte das ZDF mal auf anderen Märkten stöbern, nicht auf dem der amerikanischen Hollywood-Industrie. In jenem Supermarkt sind auch die Regale für intellektuelle Filme längst leeer geräumt. Eine zunehmende Ent-Erotisierung und Prüderie ist beim amerikanischen Mainstream, und von dem haben wir nun wirklich alle Kanäle voll, auf alle Fälle zu beobachten, in all seinen Facetten von rüder Gewalt, Psychoterror, Verlogenheit, Spießigkeit und verklemmter Doppelmoral.

Der EIFERER:"SEX ist böse! ...Ach sooo, wir können es ausbeuten? ...Also noch mal: "EXCESS ist gut!"

Mit dieser phonetischen Umkehrung (der gleichen Laute 'S-E-X' ) möchte ich eine Wechselwirkung zwischen dem Menschen und dem uns umgebenden (kapitalistischen) System verdeutlichen: Der Exzess ist für den Kapitalismus gut, da Gewinn bringend, und der muss auch immer wieder ein bisschen angefixt (Zuckerbrot und Peitsche / Sucht und Verbot) werden. Das nennt sich Bedürfnissteigerung. Der Sex ist für den Kapitalismus dagegen schlecht, weil er die Geschlechter zueinander führt und sie sich selbst genügen. Jede Spaltung der Gesellschaft in Arme oder Reiche, genauso wie in Mann oder Frau, schwächt die Einzelnen gegenüber dem System, und macht sie für den Kapitalismus lebenslang ausbeutbar.

Dem ZDF möchte ich empfehlen, weg vom amerikanischen Markt, mal wieder bei unseren freundlichen, lustigen und sexuell doch so aufgeklärten und freizügigen Nachbarn in Frankreich vorbei zu fahren und dort auf den Märkten zu gucken. Warum nicht auch auf den Flohmärkten? Und in den 70er-Jahren, der Hochzeit der Sexuellen Befreiung und Erotisierung der Massen, wurden so viele geile (entschuldigt die passende Ausdrucksweise) Filme gedreht, die bislang sicher noch nie im Fernsehen zu sehen waren. Da wären sicher noch so einige weitere Staffeln für die "Mitternachtsphantasien" drin. Doch vielleicht liegt dem nur ein geheimes Abkommen zwischen dem ZDF und arte zur Spaltung der Zuschauer zugrunde, denn arte mit seiner guten French Connection wird jetzt zur letzten Bastion des erotischen Films im Fernsehen. Und das ZDF kann sich besser dem nicht erotischen, also aggressiv-penetranten Austausch zwischen den Menschen widmen, den wir aus Hollywood &Co. so gut kennen.

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